Offene Stilrichtung - Tradition und Selbstbestimmung

  
Werner Bührer
Dojoleiter Karate-Dojo-Radolfzell
 
Nach vielen Diskussionen über die Notwendigkeit der ins Leben gerufenen ”Offenen Stilrichtung” bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass viele Karateka den eigentlichen Sinn und die sich daraus ergebenden Chancen noch nicht richtig vermittelt bekommen haben. Jede Stilrichtung im DKV, und dies sind eine ganze Menge, hat zweifelsohne ihre Berechtigung. Die Anzahl der sich zu ”ihrem Stil” bekennenden Sportlerinnen und Sportler macht jede andere Beurteilung zu einer anmaßenden Intoleranz. In diesem Sinne sollte auch die Offene Stilrichtung gesehen werden, denn in dieser neuen Betrachtungsweise des Karate sehen ebenfalls sehr viele Karateka ihre Zukunft. Das traditionelle Element jeder Stilrichtung und damit der Kernpunkt der zu bewahrenden Traditionen ist die Kata. Das Kihon aus den Kata-Abläufen herzuleiten ist in diesem Sinne ebenfalls schlüssig.
 
Neben dieser unbedingt zu bewahrenden Tradition, gibt es jedoch auch eine Weiterentwicklung. Diese Weiterentwicklung geht nicht von einem Großmeister aus, sondern kommt aus den Reihen der unzähligen Vereine und unterschiedlichsten Stilrichtungen. Der ursprüngliche Sinn des Karate, nämlich sich mit Händen und Füßen zu verteidigen, ist viel zu sehr in den Hintergrund gedrängt worden. Hier bietet die Kata mit entsprechender Interpretation der Techniken eine gute Möglichkeit.
 
Nun kommt sicherlich das Argument, dass viele Stile mit ihrem Bunkai diesen Bereich ausreichend berücksichtigen. Hier bin ich und mit mir viele Karateka anderer Meinung. Eine reale Selbstverteidigung auf der Basis der Kata bedarf neuer und innovativer Ideen. Nicht die Vorgabe eines Meisters, sondern ob es wirklich funktioniert oder eben nicht, ist die Messlatte. Wohl bemerkt, wer mit dem in seinem Stil angebotenen Möglichkeiten zufrieden und ausgefüllt ist, den will niemand zum Wechsel überreden, aber es muss jedem Einzelnen und jedem Verein möglich sein. Der Wettkampfbereich ist ein wesentlicher Teil, der zur Akzeptanz in der Öffentlichkeit und zur Bindung von besonders leistungsbereiten Menschen an unseren Sport dient.
 
Alle Stilrichtungen haben in Ihrem Sportprogramm keine wirklich überzeugenden Trainingsinhalte zur Hinführung zum modernen Kumitewettkampf zu bieten. Jeder Karateka, der in einen Kader berufen wird, muss somit von den Landestrainern (Bundestrainern) eine dem heutigen Wettkampf angemessene Trainingskonzeption erhalten. Dadurch verliert man sehr viel Zeit, denn viele technische Grundlagen müssen erst erlernt werden. Der Wettkampfteil in der offenen Stilrichtung möchte dieses Problem (für die entsprechend Geneigten) bereits beim Vereinstraining beseitigen. Im Offenen Karate wird jede (jeder) mit dem Karate Beginnende in Ihrer (seiner) Grundausbildung durch die entsprechende Herkunft seiner Katas eine Grundprägung im Shotokan, Goju-Ryu, Wado-Ryu oder in einer anderen Stilrichtung erfahren. Durch die dann frei wählbaren Teile: Kata-Bunkai, Kumite und Selbstverteidigung wird den verantwortlichen Trainern und Dojoleitern ermöglicht, der Präferenz ihrer Mitglieder Rechnung zu tragen. Der Verein (Dojo, Schule...) bleibt durch die zur Prüfung als unverzichtbar festgelegte Kata seiner Tradition verbunden und kann jedoch gleichfalls durch das immer vorhandene spezielle Karatewissen der Trainer im Wahlteil individuelle Ziele erreichen und diese dann auch bei der Prüfung einbeziehen.